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"Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat"

Auf Einladung der Geschwister-Scholl-Schule Bad Laer war die Auschwitz-Überlebende Erna de Vries zu Gast in der Evangelischen Kirche in Bad Laer.


Während der Erzählung herrschte angespannte Stille in der Evangelischen Kirche. Die Schüler der neunten und zehnten Klassen der Haupt- und Realschule hörten der bewegenden Lebensgeschichte der 87- Jährigen gebannt zu. Eine Geschichte von Leid, Hunger, Krankheit und Tod. Erna de Vries wurde 1943 ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert - und hat überlebt.

Die rüstige De Vries erzählte chronologisch, zeigte zunächst auf, wie sich die Situation der Juden während der Nazizeit immer weiter verschlechterte. Bei ihrer Erzählung verknüpft sie die politische Entwicklung mit ihrer damaligen Lebenssituation. So erfahren die Schülerinnen und Schüler, wie sie die Reichspogromnacht 1938 erlebte, wie Nazis ihre Wohnung verwüsteten - aber auch, wie ihrer Familie immer wieder von einzelnen Menschen geholfen wurde.

Frau de Vries stammt gebürtig aus Kaiserslautern. "Nach Meinung der Nationalsozialisten sollte die Stadt judenfrei werden", erinnert sich die 87-Jährige.
Als ihre Mutter im Jahr 1943 "abgeholt" wurde, förderte das damals junge Mädchen ihre eigene Deportation. "Ich redete solange auf die Gestapo-Leute ein, bis sie mich mitnahmen. Ich wollte bei meiner Mutter bleiben", so de Vries.
In Saarbrücken wurde beiden Frauen dann gesagt, dass es weiter nach Auschwitz-Birkenau gehen würde. "Ich wusste, was das bedeutete. Wer wissen wollte, behaupte ich, der konnte wissen", spielte die 87-Jährige darauf an, dass einige heute noch behaupten, von den Gräueltaten an Juden nichts gewusst zu haben. Ein Radio - damals zwar verboten - versorgte die Familie mit Informationen, fast jeden Tag verfolgte de Vries die Meldungen des britischen Senders BBC.
Im KZ angekommen, mussten Mutter und Tochter schwer arbeiten. Aufgrund mangelnder Hygiene, der unvorstellbar schlechten Verpflegung und dem Ungeziefer verschlechterte sich der Zustand beider Frauen rapide.
Eine nicht heilende Wunde sorgte schließlich dafür, dass die damals 19-Jährige Erna in den Todesblock 25 verlegt wurde. "Ich wusste, was das bedeutete. Ich wusste, dass das mein Todesurteil war", erinnert sich de Vries. Am folgenden Tag hatte sie nur noch einen Wunsch: "Ich wollte noch einmal die Sonne sehen". Als diese auf sie herab schien, habe sie nur noch gebetet.
Plötzlich wurde "ihre" Nummer aufgerufen, die ihr zu Beginn der Inhaftierung auf den Arm tätowiert worden war. Ein Wärter verglich die Zahl mit seinen Unterlagen und holte de Vries aus der Menge heraus. "Ich wusste nicht warum."

Es gelang ihr noch, sich von ihrer Mutter zu verabschieden. Dabei fielen die Worte der Mutter: " Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat". Ihre Mutter starb in Auschwitz.

Dem Tod entrann de Vries, weil nur ihre Mutter jüdischer Abstammung ist, ihr zu diesem Zeitpunkt verstorbener Vater war Christ. In einem so genannten "Mischlings-Transport" ging es ins KZ Ravensbrück. 20 Monate blieb Erna de Vries im KZ Ravensbrück, bis sie von den Alliierten befreit wurde. Nach dem Krieg heiratete sie ihren Mann Josef, der als Jude ebenfalls die KZ-Hölle von Auschwitz überlebt hatte, und zog mit ihm drei Kinder groß.

Organisiert wurde der Vortrag von den Fachleiterinnen "Gesellschaftswissenschaften" Brigitte Bänsch und Mareike Himmelreich. Begleitet wurde Frau de Vries vom Geschäftsführer der Gedenkstätte Augustaschacht, Dr. Michael Gander. In einem Gespräch mit der Schulleitung wurden für die Zukunft weitere Projekte vereinbart. Die Geschwister-Scholl-Schule Bad Laer gehört dem Projekt "Schule ohne Rassismus" an.

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Text: K.Berdelmann, Fotos: G.Niebuhr